Sonntag, 28. Juni 2009

Was passiert im Iran?

Was passiert im Iran? Es ist schwer, diese Frage zu beantworten, wenn man berücksichtigt, dass es nicht viele überprüfbare Informationen gibt und es als sicher gelten kann, dass sowohl die offiziellen Medien der Islamischen Republik, als auch die der „Freien Welt“ Lügengeschichten auftischen.

Und dass die Nachrichten aus dem Umfeld der innerhalb und außerhalb des Irans agierenden Opposition glaubwürdig sein sollen, auch das scheint mir sehr zweifelhaft zu sein, wenn ich mit vergegenwärtige, um welche Gruppierungen es sich dabei in der Regel handelt.

Aber abgesehen davon meine ich, dass Kommunisten nicht zögern dürfen, wenn es darum geht, ihre Gegnerschaft zu Ahmadinedschad und dem islamischen Regime zum Ausdruck zu bringen.

Darin unterscheiden sich Kommunisten von jenen Linken, die, inspiriert durch die Leninsche Imperialismus-Theorie, bestimmten Nationen und Staaten eine progressive Rolle im kapitalistischen Weltsystem zuschreiben – und das auch noch im 21. Jahrhundert.

Diese Linken meinen, dass die Islamische Republik, eine der dunkelsten und widerwärtigsten Diktaturen der Gegenwart (gut, mit der Demokratischen Volksrepublik Korea kann das Mullahregime es nicht aufnehmen), deshalb fortschrittlich sei, weil deren geopolitische Interessen nicht vollständig mit denen der USA übereinstimmen.

In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielte bei den Maoisten, vor dem Hintergrund der Drei-Welten-Theorie, die iranische Monarchie des Reza Schah Pahlavi die gleiche antiimperialistische Rolle, die der Islamischen Republik durch heutige Antiimperialisten zuerkannt wird. Egal ob Schah oder Ajatollah – Hauptsache es geht gegen die USA (gegen die „internationale Völkermordzentrale“ usw., usf.).

Tatsache ist, dass die brutale Unterdrückung der lohnarbeitenden Menschen im Iran, sei es als Gewerkschaftler, Schwule, Busfahrer oder Frauen, ausschließlich den Interessen des globalen Kapitals dient, auch wenn sie – aus Perspektive des Irans – auch dabei helfen soll, die Position des Kapital/Staates Iran im Konkurrenzkampf mit den USA, der EU, Russlands usw. zu stärken.

Ich möchte noch darauf hinweisen, dass das iranische Regime nicht nur Lohnarbeiter angreift, im Rahmen der gewöhnlichen Ausbeutung und Unterdrückung, nicht nur besonders brutal wird, wenn sich die Arbeitenden zur Wehr setzen, sondern – ganz unabhängig von ihrem sozialen Status – ein gegen die sexuelle und kulturelle Selbstbestimmung der Menschen im Allgemeinen und gegen Frauen im Besonderen gerichtete sozusagen spezifische Herrschaftsform des Kapitals verkörpert.

Meines Erachtens sollten Kommunisten auch Mousavi gegenüber in Opposition stehen und das nicht vor allem deshalb, weil er in der Anfangszeit des islamischen Regimes zu seinen besonders blutigen Repräsentanten zählte (Menschen können sich bekanntlich ändern), sondern deshalb, weil er noch nicht einmal ein Programm vertritt, das grundlegende demokratische und menschenrechtliche Standards einführen könnte. Dass er den iranischen Kapitalismus fortsetzen will, mit ein paar Modifikationen vielleicht, kann als gesichert gelten. Und dies ist der entscheidende Ausschlussgrund für eine politische Unterstützung durch Kommunisten.

Mousavi ist wahrscheinlich ein Kristallisationspunkt für eine städtische und „jugendliche“ Bewegung der Lohnarbeitenden, die in den Medien als „Mittelschichten“ bezeichnet und von manchen Linken mit diesem Namen „diskreditiert“ werden und zwar deshalb, weil sie verschleiern wollen, dass Krankenhausarzte, Lehrer oder Angestellte religiöser Stiftungen genauso Lohnarbeitende sind, wie Industriearbeiter, Toilettenreiniger oder Bankangestellte.

Dass Kommunisten den Wert demokratischer und menschenrechtlicher Standards, wenn sie sich auch deren Beschränktheit und unsichere Verankerung in der kapitalistischen Gesellschaft bewusst sind, anerkennen, halte ich für genauso selbstverständlich, wie die Annahme, dass das einzige unmittelbare Ziel einer kommunistischen Organisation der Kommunismus sein muss und dass deren einzige Aufgabe es ist, die Entwicklung des kommunistischen Bewusstseins unter den Lohnabhängigen voranzutreiben.

Der Kommunismus als „Minimalprogramm“ verträgt sich aber sehr gut mit der Kommunikation mit Menschen, die sich auf demokratische und Menschenrechte konzentrieren, bzw. bedauerlicherweise beschränken.

Dabei kommt es darauf an, auf die Beschränkung solcher Ziele und Wünsche in freundlichem Ton und mit Hilfe rationaler Argumente klar hinzuweisen, insbesondere darauf, dass dem Kapitalismus als unpersönlichem System die menschlichen Bedürfnisse gleichgültig sind (außer in warenförmiger Form).

Es ist unangemessen, finde ich, von oben herab, abstrakt, hysterisch und gewalttätig den „Kommunismus“ zu fordern. Das Latschen in einheitlich schwarzer Kleidung hinter eng geknüpften Vorder- und Seitentransparenten „für den Kommunismus“ ist eine Karikatur dieses Quatsches.

Den Kommunismus „zu fordern“ ist ohnehin reichlich naiv, denn er ist nicht herbeizufordern, genauso wenig, wie es erfolgsversprechend ist, den Regen herbeizubeten. Der Kommunismus kann nur dann geschaffen werden – seine objektive Möglichkeit setze ich seit dem 20. Jahrhundert voraus - wenn ihn eine große Anzahl von Lohnarbeitenden weltweit will und sie in der Lage ist, alle Hindernisse zu beseitigten.

Ob es sich dabei um eine bewusste und aktive und große Mehrheit handeln muss, oder nicht, das sei ebenso dahingestellt, wie die Frage, ob es zu einer solchen großen Mehrheit unter kapitalistischen Verhältnissen überhaupt kommen kann. Aber eines scheint mir sicher zu sein, eine kleine Minderheit, auch unter Führung der bestmöglichen Partei, wird es nicht schaffen. Der Kommunismus ist darauf angewiesen, dass sehr viele Lohnabhängige seine Vorteile verstehen, ihn wollen und ihn gemeinschaftlich – als ihr eigenes Interesse - durchsetzen.

Kommunisten müssen sich von der Islamischen Republik Iran genauso distanzieren, wie von einem „Regime Change“. Denn auch in dieser Frage stehen Kommunisten nicht mit einer kapitalistischen Macht, gegen eine andere, sondern gegen alle.

Allein schon aufgrund einer allgemeinen menschlichen Sympathie wünsche ich den gegen das Regime im Iran Demonstrierenden alles Gute und der Islamischen Republik ein baldiges Ende.

Ananda

Freitag, 26. Juni 2009

Die Internationale Kommunistische Strömung, Studierendenproteste und anderes

Anlas für diese Bemerkungen ist ein Beitrag der IKS zu den gegenwärtigen Protesten von Studierenden und eine auf der Webseite der IKS geführte Diskussion zu diesem Thema http://de.internationalism.org/iksonline2009_studentenproteste2009.

1. Es ist so, dass die Studierenden durch niemanden und nichts gezwungen werden, sich für ihren Eintritt auf dem Arbeitsmarkt, als Lohnabhängige versteht sich, bestmöglich vorzubereiten, außer durch den Zwang der Verhältnisse.

2. Sie werden nicht von falschen Führern in die Irre geleitet und sie agieren auch nicht aufgrund einer fixen Idee für eine besser verwertbarere und kostenlose Bildung, sondern auf Basis einer „realistischen“, wenn auch nicht materialistisch-kommunistischen, Analyse der Wirklichkeit.

3. Sie handeln also nicht so, als ob es irgendwo eine antikapitalistische Bewegung, wenigstens im embryonalen Stadium, gäbe, der sie sich annähern und von der sie lernen könnten, um später, im Kommunismus, das gute Leben genießen zu können, sondern sie erkennen „realistischerweise“ und fühlen instinktiv, dass es diese Bewegung nicht gibt, dass sie Besitzlose sind und es auf absehbare Zeit bleiben werden, dass ihre, mehr oder weniger, einzige, wenn auch prekäre, Chance auf ein durchschnittliches oder überdurchschnittliches Einkommen darin besteht, für sich eine gute Ausbildung zu sichern.

4. Die Drohung eines Lebens ohne Einkommen und abhängig von staatlichen Transferleistungen erscheint ihnen, völlig zu Recht, als wenig attraktiv. Und eine Welt ohne Geld (Kapital, Lohn, also auch ohne „Einkommen“), d.h. den Kommunismus, können sie sich nicht, oder wollen sie sich nicht als reale Möglichkeit, die sie objektiv ist, vorstellen.

5. Das, was ich hier über die Studierenden schreibe, gilt auch für die berufstätigen oder „arbeitslosen, d.h. einkommenslosen, Lohnabhängigen. Sie handeln – ohne irgendeine kollektive und kommunistische Perspektive zu haben – jeder für sich, und in einem sehr beschränkten sozialen und räumlichen Horizont. Während das Kapital für sich, global und objektiv gegen alle handelt.

6. Dass gegenwärtig über eine Milliarde Menschen – Dank der entwickelten Warenwirtschaft – hungern, interessiert niemanden. Oder verschwendeten die „Opelaner“ darauf schon einen öffentlichen Gedanken? Sie sind doch noch nicht einmal in der Lage, weder als Individuen (Ausnahmen bestätigen die Regel), noch kollektiv, oder gar als Klasse in einem VW- oder Ford-Arbeiter sich selbst zu erkennen? Jeder steht gegen jeden und kämpft in dem durch die kapitalistische Konkurrenz vorgegebenen Rahmen um das eigene, private Überleben. Das gilt nicht nur für den Konkurrenzkampf Unternehmen gegen Unternehmen, sondern auch Abteilung gegen Abteilung und innerhalb von Abteilungen.

7. Man muss schon ein opiatfreier Kommunist sein, um das illusionslos zu durchschauen. Diese Fähigkeit ist ein entscheidendes Kriterium dafür, sich überhaupt als „Kommunist“ bezeichnen zu können, und nicht als religiösen Schwärmer.

8. Und es ist die Aufgabe von Kommunisten, dies den Studierenden und Lohnabhängigen, nein, nicht klar zu machen, das müssen sie schon selbst („subjektiv“) tun und das können/müssen die „objektiven Faktoren“ mit bewirken (Dialektik subjektiver und objektiver Faktoren), sondern klar zu sagen: Entweder ihr versteht, dass ihr im Kapitalismus keine andere Zukunft habt, als die, weiterhin Lohnabhängige zu sein, und ihr versteht zusätzlich, dass dies euren menschlichen Fähigkeiten, Wünschen, Interessen und Potentialen schadet, und ihr diesen Zustand beendet müsst, oder ihr bleibt bis zum Ende lediglich abhängige Objekte des Kapitals und in dieser Eigenschaft Mitverantwortliche für Lohnarbeit, für Armut durch und wegen Arbeit, für Krieg, Zerstörung, Elend, Hunger.

9. Die Lohnabhängigen sind freilich Objekte, die es sich als „Subjekte“ im Kapitalismus so „angenehm“, wie es eben in der jeweiligen Situation geht, eingerichtet haben oder die sich, koste es, was es wolle, einrichten wollen und – und das ist das Elende - die sich bewusst nichts anderes denken wollen, als weiterhin Objekte des Kapitals zu sein.

10. Neben der Entwicklung von bloßen Vorstellungen einer Welt ohne Kapital kommt es natürlich darauf an, zu handeln, d.h. vor allem sich auf einer kommunistischen Grundlage zu organisieren.

11. Was ist der Kommunismus? Es ist eine nicht hierarchisch strukturierte Weltgesellschaft ohne Kapital, Lohnarbeit, Geld, Staat und mit einer gemeinschaftlich betriebenen Produktion und Verteilung.

12. Und wie handelt eine kommunistische Organisation? Vor allem dadurch, dass sie „die ungeschminkte Wahrheit“ sagt. Dazu muss sie erstmal in der Lage sein, Wunschdenken und – auf die Dauer lächerlich, d.h. abstoßend wirkenden – Zweckoptimismus (der v.a. ein Kennzeichen der kapitalistischen Linken ist) zu vermeiden. (Sie soll natürlich auch nicht das unrealistische „Ende des kommunistischen Projektes“ verkünden.)

13. Aufgabe einer kommunistischen Organisation, egal, ob sie „Partei“ ist, oder nicht, ist es definitiv nicht, die Lage des Bewusstseins der Lohnarbeitenden (die Klasse ist ohnehin nur Klasse, wenn sie revolutionär, also kommunistisch ist, sonst ist sie einfach nichts), des Widerstandes und der kommunistischen Organisierung schön zu reden, sich also in Fantasien zu ergehen und zum Beispiel den Handelnden zu unterstellen und ihnen einzureden, sie seien arme Opfer von hinter ihren Rücken agierenden Agenten der Demokratie, der Gewerkschaften, der kapitalistischen Linken usw..

14. Bei der kommenden Bundestagswahl werden fast alle Lohnarbeitenden zum x-ten Mal Parteien des Kapitals wählen. Ein Teil wird zwar nicht zur Wahl gehen, aber nicht etwa deshalb, weil sie dadurch Kritik am Kapital äußern wollten, denn sonst hätten sie genügend Möglichkeiten, dies auch bei anderen Gelegenheiten zu praktizieren, sie tun es aber nicht.

15. Zwingen, die politischen Organisationen des Kapitals zu wählen, tut sie niemand. Die Lohnabhängigen machen es freiwillig, wenn auch ohne Enthusiasmus. Denn darin manifestiert sich ihr gesellschaftliches Bewusstsein und ihr Hang zur „freiwilligen Knechtschaft“.

16. Dass es auch – wenn auch nur sehr, sehr wenige - Lohnabhängige und andere Menschen gibt, die Kommunisten sind, ist Beweis genug, dass der Rest nicht von außen determiniert wird, sondern durch viele Entscheidungs- und Anpassungsprozesse hindurchgegangen ist, der sie dort geführt hat, wo sie sind, in der Partei des Kapitals.

17. Dieser Prozess kann durch Kommunisten nicht auf direktem Wege umgekehrt werden, aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als darauf hinzuwirken und dann zu hoffen, dass mit dialektischer Hilfe objektiver Faktoren (sei es Krise und Verelendung, sei es Überdruss und Ekel an der Ware) etwas noch Unbekanntes entsteht, das das Bewusstsein verändert und die Vorgeschichte beendet.

Donnerstag, 28. Mai 2009

Die Sozialistische Partei zur Europawahl 2009

Wahrscheinlich wirst du schon etwas über die Wahlen zum Europäischen Parlament gehört haben, der größten Wahl in Europa, die es bislang gegeben hat. Denn in den 27 Staaten der Europäischen Union leben 500 Millionen Menschen. Du bist aufgerufen, zwischen dem 4. und 7. Juni diejenigen aus dem Kreis der „politischen Elite“ deines Wahlbezirks zu wählen, die ihre Ferien in Brüssel und Strassburg werden verbringen können. Auf deine Kosten, versteht sich.

Die Machthaber sind aber derzeit ein wenig in Sorge, ob du überhaupt von ihren Argumenten und ihrem Wahlspektakel genügend angetan sein wirst, um zur Wahl zu gehen. Sie befürchten, dass du zu Hause bleibst. Schande über Dich!

Um dir deutlich zu machen, warum das alles so wichtig, oder eher unwichtig ist, könnten wir dir ein paar Hinweise darauf geben, in welchen Bereichen in der letzten Zeit das Europäische Parlament dein Leben veränderte (in der englischsprachigen Version tun wir es auch): Aber das Ergebnis ist, dass es dabei nichts Wichtiges aufzuzählen gibt, daher lassen wir es hier bei dieser Feststellung bewenden.

Insbesondere wenn du auf die so genannten “Sozialleistungen” angewiesen oder „arbeitslos“, also mittellos, bist, oder wenn dich die vielen Probleme plagen, mit denen Lohnabhängige, auch und gerade wenn sie „Arbeit haben“, ständig konfrontiert sind, dann hast du wirklich keinen Grund, zur Wahl zu gehen und einen dieser üblichen Kandidaten der Linken, der Rechten oder der Mitte zu wählen.

Tatsache ist, dass das Spektakel der Eurowahl nicht aufgeführt wird, um irgendetwas Gutes für DICH zu tun. Es dient dazu, die herrschenden Eliten des Kapitals davon abzuhalten, übereinander herzufallen, also gegeneinander in Europa Krieg zu führen, wie sie das in der Geschichte, mehr als einmal, taten. Wir erinnern nur an den Ersten und den Zweiten Weltkrieg.

Obwohl es natürlich eine gute Idee ist, Kriege zu vermeiden - denn es sind Arbeite-rinnen und Arbeiter, die an dessen Folgen am Meisten zu leiden haben - ist es mitnichten dieser „Wohlfahrtsaspekt“, der eine Rolle spielen würde. Die eigentliche Motivation ist hingegen die Angst des Kapitals, zu viel Geld für die Kriegsführung ausgeben zu müssen. Die kapitalistischen Eliten wollen zwar alle (mehr als) satt werden, aber ohne unnötigerweise Gefahr zu laufen, im Maul und zwischen den Zähnen ihrer Konkurrenten zu enden. Es geht - wer hätte das gedacht – um Profit und Geld. Und daran wird sich auch nichts ändern, solange der Kapitalismus und das Geld bestehen bleiben. Abgesehen davon ist der kapitalistische Friede – global betrachtet – immer nur ein Zwischenzustand, denn kapitalistische Konkurrenz und Kriege gehören zusammen.

Vielleicht denkst du ja wirklich angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise, dass der Kapitalismus für dich nichts tut, außer dass er dich zu seinem Lohnsklaven macht, dessen einzige anerkannte Existenzberechtigung darin besteht, die Reichen noch reicher zu machen. Wenn aber die Kandidaten in deinem Wahlkreis dies nicht so klar und deutlich sehen und es aussprechen, warum solltest du einen von ihnen wählen?

Es ist besser, wenigstens im Stillen etwas zu sagen oder zu schreiben, als vollkommen schweigend und untätig zu verharren. Insofern solltest du zur Wahl gehen, dann aber „ungültig“ stimmen, zum Beispiel dadurch, dass du auf den Wahlzettel „Abschaffung des Geldes und des Kapitalismus“ oder „Weltsozialismus – gemeinschaftliches Eigentum und gleichberechtigte Kontrolle“ schreibst. Danach besuche unsere Web-seite www.worldsocialism.org, auf der du Leute treffen wirst, die ähnlich denken, wie du.

Wir meinen, dass es durchaus sinnvoll ist, eine Wahl zu treffen, auch wenn es bei der Europawahl niemanden gibt, der es Wert wäre, gewählt zu werden.

Donnerstag, 15. Januar 2009

Die Lügen des Krieges

Uri Avnery 12.01.2009

Warum Israel den Krieg nicht gewinnen und die Hamas ihn nicht verlieren kann

Vor fast 70 Jahren wurde während des Zweiten Weltkriegs in Leningrad ein abscheu-liches Verbrechen begangen. Länger als tausend Tage hielt eine Gang von Extremisten, die "Rote Armee" genannt wurde, Millionen von Einwohnern der Stadt als Geiseln und provozierte die deutsche Wehrmacht aus den Bevölkerungszentren heraus. Die Deutschen hatten keine andere Möglichkeit, als die Bevölkerung zu bombardieren und sie einer totalen Blockade auszusetzen, die den Tod von Hunderttausenden verursachte. Nicht lange zuvor wurde in England ein ähnliches Verbrechen begangen. Die Churchillbande versteckte sich inmitten in die Londoner Bevölkerung und missbrauchte Millionen von Bürgern als menschliche Schutzschilde. Die Deutschen waren so gezwungen, ihre Luftwaffe zu schicken und die Stadt widerwillig in Schutt und Asche zu legen.

Dies ist die Beschreibung, die jetzt in den Geschichtsbüchern stünde – wenn die Deutschen den Krieg gewonnen hätten.

Absurd? Nicht absurder als die täglichen Nachrichten unserer Medien, die so oft wiederholt werden, dass einem speiübel wird: Die Hamas-Terroristen halten die Bewohner des Gazastreifen als "Geiseln" und benützen die Frauen und Kinder als "menschliche Schutzschilde", sie lassen uns keine Alternative, als massive Bombardements durchzuführen, in denen zu unserm großen Bedauern Tausende von Frauen, Kinder und unbewaffneten Männer verletzt oder gar getötet werden.

In diesem Krieg – wie in allen modernen Kriegen - spielt die Propaganda eine große Rolle. Das reale Kräfteverhältnis zwischen der israelischen Armee mit ihren Kampf-flugzeugen, Drohnen, Kriegsschiffen, Panzern, ihrer Artillerie einerseits und den paar Tausend leicht bewaffneten Hamaskämpfer ist 1.000:1, wenn nicht sogar 1.000.000:1. Auf der politischen Ebene ist der Unterschied vielleicht sogar noch größer. Aber im Propagandakrieg ist der Unterschied grenzenlos.

Fast alle westlichen Medien wiederholten anfangs die offizielle israelische Propagan-dalinie. Sie ignorierten fast völlig die palästinensische Seite der Geschichte, ebenso wie die täglichen Demonstrationen des israelischen Friedenslagers. Die Gründe der israelischen Regierung ("Der Staat muss seine Bürger gegen die Kassam-Raketen schützen") wurde wie die reine Wahrheit akzeptiert. Der Blickwinkel von der anderen Seite, dass die Kassams nämlich nur eine Antwort auf die Belagerung seien, die anderthalb Millionen Menschen im Gazastreifen an die Grenze des Verhungerns bringt, wurde überhaupt nicht erwähnt.

Erst als die schrecklichen Szenen aus dem Gazastreifen auf den westlichen Bildschirmen zu erscheinen begannen, fing die öffentliche Meinung der Welt langsam an sich zu verändern.

Die westlichen und israelischen Fernsehkanäle zeigten zwar nur einen winzigen Teil des entsetzlichen Geschehens, das jeden Tag 24 Stunden lang auf dem arabischen Sender Al-Dschasira zu sehen ist, aber ein Bild eines toten Babys in den Armen seines in Angst und Schrecken versetzten Vaters ist mächtiger als Tausend elegant formulierte Sätze des israelischen Armeesprechers. Und das ist letztendlich entscheidend.

Der Krieg – jeder Krieg – ist ein Lügenreich. Ob dies nun Propaganda oder psycho-logische Kriegsführung genannt wird, jeder akzeptiert, dass es richtig ist, für sein Land zu lügen. Jeder, der die Wahrheit sagt, riskiert, als Verräter gebrandmarkt zu werden.

Das Problem ist, dass Propaganda zuerst und vor allem den Propagandisten selbst überzeugt. Und nachdem man sich selbst davon überzeugt hat, dass die Lüge die Wahrheit und die Verfälschung die Realität ist, kann man keine vernünftigen Ent-scheidungen mehr treffen.

Ein Beispiel für diesen Prozess lieferte die bis jetzt erschreckendste Gräueltat dieses Krieges: das Beschießen der UN-Fakhura-Schule im Jabaliya-Flüchtlingslager.
Kurz nachdem dieser Vorfall weltweit bekannt wurde, "enthüllte" die Armee, dass Hamaskämpfer von einem Vorplatz der Schule aus Mörsergranaten abgeschossen hätten. Als Beweis veröffentlichte man eine Luftaufnahme, auf der tatsächlich die Schule und der Mörser zu sehen waren. Aber innerhalb kurzer Zeit musste der offizielle Armeelügner zugeben, dass das Photo älter als ein Jahr sei. Also eine Fäl-schung.

Später behauptete der offizielle Lügner, dass "unsere Soldaten aus dem Inneren der Schule" beschossen worden seien. Aber kaum einen Tag danach musste die Armee dem UN-Personal gegenüber zugeben, dass auch dies eine Lüge gewesen war. Keiner hatte aus der Schule geschossen, keine Hamaskämpfer waren in der Schule, die voll verängstigter Flüchtlinge war.

Aber das Eingeständnis wurde kaum mehr wahrgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war die israelische Öffentlichkeit vollkommen davon überzeugt, dass "aus der Schule geschossen worden war" - und Fernsehsprecher zitierten dies als einfache Tatsache.
Genau so ging es mit den anderen Gräueltaten. Jedes Baby wurde im Augenblick seines Todes zu einem Hamas-Terroristen. Jede zerbombte Moschee wurde sofort zu einer Hamasbasis; jedes Wohngebäude zu einem Waffenversteck; jede Schule zu einem Terrorkommandoposten; jedes zivile Regierungsgebäude zu einem "Herrschaftssymbol der Hamas". Auf diese Weise blieb die israelische Armee die "moralischste Armee der Welt".

Die Wahrheit ist, dass die Gräueltaten eine direkte Folge des Kriegsplanes waren
Dies wirft ein Licht auf die Persönlichkeit Ehud Baraks – eines Mannes, dessen Denk- und Handlungsweisen ein klarer Beweis für das ist, was "moralischer Irrsinn" genannt wird.

Das wirkliche Ziel - abgesehen davon, mehr Sitze bei den kommenden Wahlen zu gewinnen - ist die Beendigung der Hamasherrschaft im Gazastreifen. In der Vorstellung der Kriegsplaner, sieht die Hamas wie ein Eindringling aus, der fremdes Land kontrolliert. Die Wirklichkeit sieht natürlich ganz anders aus.

Die Hamasbewegung hat bei den ausgesprochen demokratischen Wahlen, die 2006 in der Westbank, in Ostjerusalem und im Gazastreifen stattgefunden haben, die Mehrheit der Stimmen gewonnen. Sie gewann, weil die Palästinenser zur Schlussfolgerung gekommen waren, dass die Fatah durch ihre friedliche, also gewaltfreie Herangehensweise nichts von Israel erreicht hat – weder den Stopp des Siedlungsbaus noch irgendeinen bedeutsamen Schritt in Richtung eines Endes der Besatzung oder der Schaffung des palästinensischen Staates. Die Hamas ist tief in der Bevölkerung verwurzelt – nicht nur als Widerstandsbewegung, die den fremden Besatzer bekämpft so wie einst die (jüdische) Irgun und die Sterngruppe –, sondern auch als eine politische und religiöse Organisation, die im sozialen, schulischen und medizini-schen Bereich aktiv ist.

Vom Standpunkt der Bevölkerung sind die Hamaskämpfer keine Fremdkörper, sondern die Söhne einer jeden Familie im Gazastreifen wie auch in den anderen palästi-nensischen Gebieten. Sie verstecken sich nicht "inmitten der Bevölkerung", die Bevölkerung sieht sie als ihre einzigen Verteidiger an.

Deshalb gründet sich die ganze Operation auf irrigen Vermutungen. Das Leben der Bevölkerung in eine Hölle zu verwandeln, wird die Bevölkerung nicht dahin bringen, sich gegen die Hamas zu erheben, sondern das Gegenteil erreichen, sie vereinigt sich hinter der Hamas und verstärkt ihre Entscheidung, sich nicht zu ergeben. Die Bewohner von Leningrad haben sich nicht gegen Stalin erhoben, so wenig wie die von London gegen Churchill.

Derjenige, der den Befehl für solch einen Krieg mit solchen Methoden in einem dicht bevölkerten Gebiet gegeben hat, weiß, dass dieser ein entsetzliches Gemetzel unter der Zivilbevölkerung anrichten wird. Anscheinend hat ihm dies nichts ausgemacht. Oder er glaubt, "dies wird ihr Verhalten verändern" und " es wird ihr Bewusstsein verändern", so dass sie zukünftig Israel nicht mehr zu widerstehen wagen würden.

Die Hauptsache für die Kriegsplaner war, die Todesrate unter den eigenen Soldaten so gering wie möglich zu halten, da sie wussten, dass die Stimmung eines großen Teils der Pro-Krieg-Öffentlichkeit sich ändern würde, sobald Berichte über eigene Todesopfern kommen würden. So war es beim ersten und zweiten Libanonkrieg.
Diese Einstellung spielte eine besonders wichtige Rolle, weil der ganze Krieg ein Teil der Wahlkampagne ist. Ehud Barak, der in den ersten Tagen des Krieges in den Umfragen gewonnen hatte, wusste, dass seine Werte fallen würden, sobald Bilder mit toten Soldaten die Fernsehschirme füllen würden.

Deshalb wurde eine neue Doktrin formuliert: um Verluste unter unseren Soldaten zu vermeiden, solle alles, was in ihrem Weg steht, total zerstört werden. Die Planer waren also nicht nur bereit, 80 Palästinenser zu töten, um einen israelischen Soldaten zu retten, wie es schon geschehen ist, sondern auch 800. Die Vermeidung von To-desfällen auf unserer Seite ist der vordringlichste Befehl, der Rekordzahlen von zivi-len Toten auf der andern Seite verursachte.

Dies bedeutete die bewusste Entscheidung für eine besonders grausame Kriegsfüh-rung – und das war ihre Achillesferse.

Eine Person ohne Fantasie wie Barak (sein Wahlslogan heißt: "Nicht ein netter Kerl, sondern ein Führer") kann sich nicht vorstellen, wie anständige Leute rund um den Globus auf solche Aktionen wie die Tötung ganzer Großfamilien, die Zerstörung der Häuser über den Köpfen ihrer Bewohner, auf die Reihen von Jungen und Mädchen in Leichensäcken, auf die Berichte über Leute, die tagelang zu Tode bluten, weil die Krankenwagen nicht zu ihnen durchgelassen werden, auf das Töten von Ärzten und Sanitätern, die auf dem Weg sind, Leben zu retten, auf Berichte über das Erschießen von UN-Fahrern, die Lebensmittel bringen, reagieren. Die Fotos aus den Kranken-häusern mit den Toten, Sterbenden und Verletzten, die aus Platzmangel alle zu-sammen auf dem Fußboden liegen, haben die Welt erschüttert. Kein Argument hat die Kraft eines Bildes von einem verwundeten kleinen Mädchen, das dort auf dem Boden liegt, sich vor Schmerzen krümmt und "Mama! Mama"! schreit.

Die Kriegsplaner dachten, sie könnten die Welt daran hindern, solche Bilder zu sehen, wenn sie die Presse gewaltsam davon abhalten, zum Schauplatz der Kämpfe zu gelangen. Die israelischen Journalisten waren zu ihrer Schande damit einverstanden, die Berichte und Photos zu bringen, die sie vom Armeesprecher erhielten, als ob dies authentische Nachrichten seien, während sie selbst meilenweit von den Ereignissen entfernt blieben. Ausländische Journalisten wurden gar nicht erst zugelassen, bis sie protestierten und dann zu kurzen ausgewählten und überwachten Trips mitgenom-men wurden. Aber in einem modernen Krieg kann eine solch sterile und fabrizierte Sicht alle anderen Perspektiven nicht vollständig ausschließen. Die Kameras sind im Gazastreifen mitten in der Hölle und können nicht kontrolliert werden. Der arabische Sender Al-Dschasira bringt die Bilder rund um die Uhr und erreicht jedes Haus.

Die Schlacht um den Fernsehschirm ist eine der entscheidenden Schlachten des Krieges.

Hunderte Millionen Araber von Mauretanien bis zum Irak, mehr als eine Milliarde Muslime von Nigeria bis Indonesien sehen diese Bilder und sind geschockt. Dies hat eine große Auswirkung auf den Krieg. Viele der Fernsehzuschauer sehen die Herrscher Ägyptens, Jordaniens und der Palästinensischen Behörde als Kollaborateure Israels, das diese Gräueltaten gegen ihre palästinensischen Brüder ausführt.

Die Sicherheitsdienste der arabischen Regime registrieren eine gefährliche Unruhe in der Bevölkerung. Hosni Mubarak, der aufgrund der von ihm zu verantwortenden Schließung des Rafah-Grenzüberganges angesichts panischer Flüchtlinge verant-wortlich ist, der exponierteste aller arabischen Führer, begann Druck auf die Entscheidungsträger in Washington auszuüben, die bis jetzt alle Aufrufe für eine Feuer-pause blockiert hatten. Diese verstanden langsam die Gefahr für die amerikanischen Interessen in der arabischen Welt und veränderten auf einmal ihre Haltung, was unter den selbstzufriedenen israelischen Diplomaten Bestürzung hervorrief.

Leute mit "moralischem Irrsinn" können die Motive normaler Menschen nicht verste-hen und müssen ihre Reaktionen erraten. "Wie viele Divisionen hat der Papst?", spottete Stalin. "Wie viele Divisionen haben die Menschen mit Gewissen?", könnte Ehud Barak nun fragen.

Wie sich herausstellt, haben sie einige. Nicht sehr viele. Und sie reagieren auch nicht sehr schnell. Sie sind auch nicht stark und gut organisiert. Aber in einem bestimmten Moment, wenn die Gräueltaten überhand nehmen und die Massen der protestierenden Demonstranten zusammenkommen, kann dies einen Krieg entscheiden.

Ein Verbrechen gegen den Staat Israel

Das Versagen, das Wesen der Hamas zu begreifen, hat auch ein weiteres Versagen verursacht, nämlich die voraussagbaren Folgen zu verstehen: nicht nur dass Israel den Krieg nicht gewinnen kann - die Hamas kann ihn auch gar nicht verlieren.

Selbst wenn es der israelischen Armee gelingen sollte, jeden Hamaskämpfer bis zum letzten Mann zu töten, selbst dann würde die Hamas siegen. Die Hamaskämpfer würden für die arabische Nation als Vorbilder dastehen, als die Helden des palästi-nensischen Volkes, als Vorbilder, denen jeder junge Mann in der arabischen Welt nacheifern sollte. Die Westbank würde wie eine reife Frucht in die Hände der Hamas fallen. Die Fatah würde in einem Meer der Verachtung untergehen, die arabischen Regime wären in Gefahr zusammenzubrechen.

Falls der Krieg mit einer noch aufrecht stehenden, wenn auch blutenden, aber unbezwungenen Hamas endet – angesichts einer so mächtigen Militärmaschine wie der israelischen -, dann würde dies wie ein fantastischer Sieg aussehen, wie ein Sieg des Geistes über das Material.

Was sich in das Bewusstsein der Welt einprägen wird, wird das Image von Israel als blutrünstigem Monster sein, das bereit ist, jeden Augenblick Kriegsverbrechen zu begehen, und nicht bereit ist, sich an moralische Einschränkungen zu halten. Dies wird langfristig gesehen schwerwiegende Konsequenzen für unsere Zukunft, für unsere Position in der Welt haben und für unsere Chancen, Frieden und Ruhe zu erlangen.

Am Ende ist dieser Krieg auch ein Verbrechen gegen uns selbst, ein Verbrechen gegen den Staat Israel.

Samstag, 3. Januar 2009

Gaza-Solidarität: Demo in Frankfurt





Am 3. Januar 2009 fand in Frankfurt am Main eine der größten Demonstrationen der letzten Jahre statt. Sie begann am Hauptbahnhof und endete am Frankfurter Römer (am Rathaus).

10.000 Menschen drückten sowohl ihren Abscheu aus gegen die andauernde Demütigung und Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung, gegen die durch die israelische Besatzungs- und Blockadepolitik verursachte soziale und psychische Verelendung der Palästinenser, als auch ihre Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand gegen Israel.

Neben der direkten Kritik an Israel wurde auch die bedingungslose Zuneigung der deutschen Bundesregierung gegenüber der massakrierenden Politik des zionistischen Staates verbal angegriffen.

Die Teilnehmer rekrutierten sich fast ausschließlich aus migrantischen Bevölkerungsteilen aus arabischen Ländern und aus der Türkei. Linke Gruppen waren fast vollständig unsichtbar, abgesehen von einer oder zwei Fahnen der „Linken“, einer der Gruppe „Revolution“ und einer, aber nur sehr schüchtern gezeigten, schwarzen Fahne mir rotem Stern aus dem Umfeld einer Frankfurter Kneipe mit dem wärmsten Bier: dem Exzess.

Ansonsten gab es ausschließlich palästinensische Fahnen zu sehen. Grüne Fahnen der Hamas und die gelben der Hizbollah wurden von den Veranstaltern (sicherlich auf Druck der deutschen Polizeibehörden) als unerwünscht erklärt und daher auch nicht gezeigt.

Israelische Fahnen sollten auch nicht mitgeführt werden, auch nicht, um dann verbrannt zu werden. Bis auf eine Fahnenverbrennung – von den Anwesenden mit großem Jubel begrüßt – am Römerberg hielten sich die Demonstrierenden an diese Auflage.

Überhaupt war die Demo sehr diszipliniert, zielsicher und selbstbewusst. Niemand machte sich durch mannshohe Vorder- und Seitentransparente unsichtbar und lächerlich, auch die Polizei hielt sich extrem zurück und war entlang der ganzen Demoroute fast nicht präsent.

Der erste Redebeitrag, noch bevor sich die Demonstration vom Hauptbahnhof aus in Bewegung setzte, begann mit den arabischen Worten bismi 'llahi r-rahmāni r-rahim - Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen! (dies ist der erste Vers des Koran), die ganze Zeit über war ein Ruf besonders gut und deutlich hörbar: allahu akbar – Gott ist groß (er ist größer als alle anderen und alles andere).

Kurz nach Beginn der Demo wurde von den Veranstaltern eine Geschlechtertrennung gefordert. Demnach sollten sich „unsere Schwestern“ (also die Muslima) und „die Frauen“ (also die weiblichen Kafir, d.h. die ungläubigen, bzw. nicht-muslimischen Frauen) sowie die Kinder im vorderen Teil der Demo sammeln, während die Männer – mit einem kleinen Abstand dahinter gehen sollten. Dies ist – von ein paar Ausnahmen mal abgesehen - auch so befolgt worden.

Die Frauen – fast alle mit Kopftuch, manche, allerdings nur sehr wenige in einem schwarzen Hijab (Ganzkörperverhüllung mir Augenschlitz) - gingen vorne, die Männer dahinter. Die Demo war in ihren beiden Teilen laut und kämpferisch, jedoch keinesfalls aggressiv. Es wurden viele Parolen gerufen, z.B. Israel – Kindermörder! Krieg ist Terror, Krieg ist Mord! Und immer wieder Allahu Akbar! Ab und an konnte man auch „Hoch die internationale Solidarität“ hören.

Am Römerberg gab es zunächst einen guten Redebeitrag auf Deutsch (in ihm wurde die elende Situation der Palästinenser geschildert und die unmittelbaren Verantwortlichen dafür benannt, nämlich der Staat Israel und sein Unterstützer a la Bush, Merkel & Konsorten). Danach wurden Reden auf Türkisch und Arabisch gehalten.

Insgesamt war die Demo Ausdruck der tragischen Situation im Nahen Osten, insbesondere der Situation der palästinensischen Bevölkerung. Man sollte also nicht vor allem diese Manifestation der Kritik unterziehen, sondern man muss die Ursachen beseitigen, die so etwas verursachen.

Angesichts Israels, eines Staates, der einen großen Teil seines Territoriums den Palästinensern raubte, der Teile der einheimischen Bevölkerung vertrieb, der nichts unversucht lässt, um die Palästinenser zu demütigen und ökonomisch, sozial, kulturell und psychisch zu ruinieren, der die Ermordung der europäischen Juden durch die deutschen Nazis und ihren Helfern als Alibi für jedwedes Massaker an den Palästinensern benutzt, angesichts eines Staates mit der mächtigsten Armee der Region (die auch noch mit Atomwaffen ausgestattet ist), also angesichts eines solchen Feindes kann es nicht wirklich verwundern, wenn viele Palästinenser zur Religion greifen (Marx sprach in diesem Zusammenhang vom "Opium"), zum Nationalismus greifen und so weiter.

Es scheint so zu sein, dass der Ruf „Allahu Akbar!“ eine innere Kraft gibt, sich gegenüber der zionistischen Gewaltmaschinerie zu behaupten. /Diesen Passus, dessen erste Version Kommentatoren zu Recht kritisiert haben, änderte ich, zumal ich niemanden beleidigen möchte, man lernt ja nie aus./

Nur der gemeinsame Kampf aller Arbeiterinnen und Arbeiter der Welt gegen Kapital, Staat, Nation und Religion dürfte in der Lage sein, einen weltweiten Frieden (einen Zustand, der diesen Namen wirklich verdient) herzustellen und den Weltkommunismus zu etablieren – gerade die Situation in Gaza macht deutlich, wie dringend so etwas nötig wäre und wie entfernt wir davon sind.

Ananda

Freitag, 2. Januar 2009

Which Side Are You On?

Which Side Are You On?



Come all of you good workers
Good news to you I'll tell
Of how that good old union
Has come in here to dwell

(Chorus)
Which side are you on?
Which side are you on?
Which side are you on?
Which side are you on?

My daddy was a miner
And I'm a miner's son
And I'll stick with the union
Till every battle's won

They say in Harlan County
There are no neutrals there
You'll either be a union man
Or a thug for J.H. Blair

Oh, workers can you stand it?
Oh, tell me how you can
Will you be a lousy scab
Or will you be a man?

Don't scab for the bosses
Don't listen to their lies
Us poor folks haven't got a chance
Unless we organize

by Florence Reese, 1931
Pete Seeger, 1968

Montag, 29. Dezember 2008

Gaza, Athen

In Athen fand eine Demonstration u.a. der KKE („Kommunistische Partei Griechenlands“) zu den blutigen Aktivitäten des zionistischen Staates in Gaza statt. Es ist stark zu vermuten, dass der Inhalt der Demo auch von der überwiegenden Anzahl der „anarchistischen“ und „unpolitischen“ Aufständischen der letzten Wochen geteilt wird, von dem am Anfang des Videos zu sehenden Herunterreisen der israelischen Flagge vom Mast der Botschaft Israels ganz zu schweigen (wg. action).





Sonne der Gerechtigkeit




Es ist immer gut, in Zusammenhängen zu denken, also nicht: Gestern nur Athen (riots!), heute nur Gaza (Sharon do it again, ich meine "Sabra und Schatila", oder Intifada!)

Israel ist übrigens kein faschistischer Staat, sondern es ist der demokratischste Staat des Nahen Ostens. Zweifelsohne. Demokratie ist jedoch nichts anderes als eine besondere Herrschaftsform des Kapitals – inklusive Rassismus, Ausschluss von Teilen der Bevölkerung, Religion, Folter und Mord.

Israel kämpft gegen die Hamas, d.h. derzeit insbesondere gegen die Bevölkerung im Ghetto von Gaza. Und die Hamas kämpft gegen den zionistischen Staat, samt seiner Bevölkerung (seinen Untertanen). Allerdings ist Israel in der Lage eine derart große Anzahl von Menschen innerhalb weniger Stunden zu töten, dass einem schon der Atem stocken kann.

Wahrscheinlich müssen die Palästinenser in Gaza der israelischen Armee dafür auch noch dankbar sein, dass sie dort keine sauberen Miniatombomben einsetzt. Gegen die palästinensischen Kassam-Feuerwerkskörper wäre das sicherlich auch angemessen, man müsste nur Angela Merkel um eine entsprechende Stellungnahme bitten.

Große Teile der Bevölkerungen unterstützten tragischerweise die Anstrengungen ihrer Machthaber die jeweils anderen so stark zu schädigen, wie dies für erforderlich gehalten wird und möglich ist. Israel verfügt dazu über die effektivsten Mittel.

Beide Mächte werden so lange miteinander kämpfen, so sieht es wenigstens aus, bis einer von beiden den anderen restlos beseitigt, was aber noch dauern kann. Das von den Menschen dort selbst verursachte und das über sie gekommene Leiden wird sich fortsetzen. Das Kapital, der Staat, die Nation, die Religion herrschen – die Ergebnisse sind schreckenerregend und das nicht nur in Palästina.

Es wäre ein Fehler Israel zu verdammen und seine Feinde zu loben und umgekehrt. Allerdings dürfte Israel hinsichtlich Heuchelei, Selbstgerechtigkeit und aggressivem Zynismus in der globalen Liga für solche Sachen ganz oben angesiedelt sein.

Ananda